Freitag, 8. März 2013

Tränenloses Weinen

Es ist schwer zu erklären, warum ich manchmal kurz vor'm ausrasten stehe. ich weiß in solchen Momenten selbst nicht, warum, weil die Gründe, die für mein Verhalten verantwortlich sind, eigentlich zu klein sind, um so etwas auslösen zu können. ich weiß nicht, ob das etwas mit meiner emotional - instabilen Persönlichkeitsstörung zu tun hat, es besteht ja nur der Verdacht darauf ... es wäre sinnvoll.
Ich will und kann es einfach nicht mehr ertragen. Diese Wut, die in mir kocht, mich fast dazu bringt, alles auseinander zu nehmen, was mir in die Quere kommt. Dieses Gefühl, ohne Gewalt nicht mehr weiterzukommen. Dieser Drang, einmal, nur ein einziges Mal richtig losheulen zu können ... aber nie etwas anderes dabei rauskommt als dieses verängstigte vor - und zurückwippen, das hysterische Schluchzen, weinen zu wollen, nichts anderes ... immer wieder ins Kissen zu kreischen, den Selbstverletzungsdrang zu unterdrücken, sich an der Bettkante festzukrallen, um nicht mein Zimmer kurz und klein zu schlagen.
... Und immer wieder sind da diese kurzen Momente, diese entspannten fünf Sekunden, in der mir einen winzigen Augenblick lang Tränen in die Augen schießen, nur um sofort wieder zu verschwinden und das hysterische Lachen einkehrt, dass mich seit über drei jahren verfolgt.
Ich habe es satt. Ich will diese Hysterie nicht mehr in mir haben. Ich will doch nur eins: Leben.

Freitag, 22. Februar 2013

Chaos im Kopf - Teil 2

Dieser Druck.
Ich höre meinen Puls schlagen.
Er steigt … steigt … steigt …
Mein Kopf – zerquetscht von der Last, die ich seit zwei Wochen  mit mir trage.
Müdigkeit. Tonnen davon drücken auf meine Lider.
Die Angst, zu versagen.
Die Angst vor der Angst.
Wimmern, schreien, weinen, ohne es zeigen zu können.
Depressionen, die mich einholen, mit ihren Fängen umkrallen, mich mitschleifen.
Keine Konzentration.
Die Bilder des Raumes, in dem ich sitze, wie sie sich immer wieder überlappen.
Unscharf … scharf … unscharf … scharf …
Stimmen überall um mich herum. Lachen. Kichern.
Alles so unrealistisch und hysterisch. Nicht … real …
Ich bin müde, so müde.
Will schlafen.
Doch Träume lassen mich nicht ruh'n.
Dröhnen im Kopf. Angst. Alptraum.
Atmen, japsen, schnaufen. Erwachen vom Wecker.
Geschlafen, aber nicht erholt.
… doch Träume lassen mich nicht ruh'n …
Aufrichten. Kaffee kochen. Gitarre nehmen, singen, und so tun, als ob nichts wäre.
Druck, dieser Druck ...

Sonntag, 3. Februar 2013

Chaos im Kopf - Teil 1

Sie werden durch die kleinsten Veränderungen im Umfeld ausgelöst. Sie können tiefgründig sein, doch meistens reicht es, wenn man an der Oberfläche kratzt. Es muss nur ein Satz oder ein bestimmter Tonfall sein, und alles in mir wendet sich mit solch einer Plötzlichkeit um 180 Grad, dass sich mein Verstand für einen kurzen Moment in einer Art Vakuum befindet, bevor er wieder in der Realität aufsetzt. Danach ist es, als hätte man mir meine Gefühle für wenige Sekunden entrissen, um sie mir durchgeschüttelt und auseinandergerissen wiederzugeben. Das kann entweder Positive oder negative Folgen haben. Positiv sind sie, wenn ich vorher durcheinander, genervt, reizbar und verwirrt gewesen bin. Wenn es sich ins negative wandelt, ist es anders herum. Sobald dieser dauerhafte Wechselzustand Besitz von mir ergriffen hat, ist der Tag für mich kaum mehr zu retten. Erinnerungen schwirren durch meinen Kopf, an die ich seit Ewigkeiten nicht mehr dachte. Das war's dann. Ich verliere die Kontrolle über mich, meinen Körper. Ich lache hysterisch, ich flippe aus, umarme jeden, schreie herum, lache wieder, trete um ich, entschuldige mich, verteile patzige Antworten, weiß nicht, warum ich das mache, versuche mich zu beherrschen, schaffe es nicht, fliehe in mein Zimmer, verschließe meine Tür. Ich drehe meine Musik auf, bis zum Anschlag, falle auf mein Bett und lass meine Stimmungsschwankungen Stimmungsschwankungen sein.

Samstag, 12. Januar 2013

Existenzlos

Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt um mich herum explodiert, und zusammen mit kleinen Fetzen aus meinem Herzen wird alles, was um mich herum und in mir lebt, von mir fortgerissen. Was zurück bleibt, ist eine eiskalte, graue Welt und ein vollkommen seelisch – zerstörtes Wrack. An gewissen Tagen scheine ich nur noch als leblose Hülle vor mich hin zu vegetieren. Ich weiß nicht, ob andere etwas davon mitbekommen. Meistens bekomme ich ja selbst kaum etwas mit. Ich weiß nur, dass es diese Tage gibt. Die letzten zwei Wochen existieren nur noch schleierhaft in meinem Gedächtnis, und jedes Mal, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, durchzuckt mich ein Blitz und alles wird schwarz.
Immer öfter fehlt mir Selbstwertgefühl. Wenn ich zwischen lauter, fröhlicher Menschen stehe, die ihr Leben frei heraus leben können, bin ich mit einem Mal ganz klein mit Hut. Früher gab es so oft Tage, an denen ich vorm Spiegel stand, mich angrinste und zu mir sagte: „Baby, du siehst echt gut aus!“ jetzt stehe ich vorm und frage mich: „was ist bloß aus dir geworden? Sieh dich doch an verdammt!“ ich hasse jene Momente, in denen ich mich so stark selbst bemitleide. Ich hasse sie wirklich. In den letzten Tagen brauchte ich so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor in meinem Leben. Aber das lag nicht daran, dass ich einfach nur im Mittelpunkt stehen wollte, auch wenn mir das in dem Moment zehn Mal lieber gewesen wäre … nein … ich hatte in den letzten Tagen so starke Zweifel an meiner eigenen Existenz, dass ich immer jemanden brauchte, der mich wenigstens mal ansah, weil die Angst, sich einfach in Luft aufzulösen, oder nur das Produkt der Fantasie eines Menschen zu sein, viel zu stark wurde. Genau da liegt auch das Problem beim Einschlafen.  Ich schaffe es einfach nicht, die Ich schaffe Augen zu schließen, aus Angst, dass es für immer dunkel bleibt.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Vergangenheitskrallen

Wann geht das Leben weiter? Woher soll man wissen, ob all das nicht nur ein einziger, grauenhafter Traum ist? An Tagen wie heute wache ich auf und habe das Gefühl, das mein Inneres wie ein Eisklotz zugefroren ist, aber außerhalb meines Körpers alles seinen gewohnten Gang geht. Tja, super. Mein Leben zieht wortlos an mir vorbei und ich stehe festgekettet an alte Erinnerungen und Gefühle da und beobachte, wie sich das stählerne Tor, der einzige Weg, der mich in meiner Welt hält, langsam direkt vor meiner Nase schließt. Jetzt fragst du dich wahrscheinlich: Warum hältst du das Tor nicht einfach auf oder schlüpfst schnell hindurch, bevor es sich vollkommen verschließt? Na, ganz einfach Schätzchen. Wie soll ich es schaffen, etwas in der Gegenwart zu verändern, wenn ich seelisch noch immer im Vergangenheitszustand fühle und dort quasi als leblose Hülle vor mich hin – vegetiere? Das, was ihr hier von mir seht ist einzig und allein Beweis meiner Existenz, aber ich, ich als Persönlichkeit und Mensch, ich gehe noch immer meinen Traumweg, den ich vor ein paar Monaten, vielleicht auch vor ein paar Jahren gegangen bin. Je länger man schon in dieser Zeitspanne feststeckt, umso schneller schließt sich auch das stählerne Tor. In meiner Welt steht das Tor noch relativ weit offen, doch mit jedem kleinsten Nanometer, mit dem sich das Tor schließt, ist mir schmerzlich bewusst, dass ich mit jedem Mal, wenn die beiden offen Torflügel näher beisammenrücken, der Tatsache, einen endlos erscheinenden Schacht hinunterzufallen und nie wieder etwas anderes zu sehen als Schwärze, vollkommene Schwärze, beträchtlich näher rücke. Ich weiß, dass ich einen Weg finden muss, aus diesem ewig währenden Teufelskreis herauszufinden, doch wie? Die Zeit beginnt, meine Gefühle zu vereisen, jene Momente in meinem Leben an meine Gedanken zu ketten, so dass ich weder etwas vergessen, noch meine Meinung ändern, geschweige denn 'loslassen' kann. Ich blicke mit müden Augen hinaus zum Fenster. Es schneit. Dicke, weiße Schneeflocken schweben herab und begraben die Welt unter einer Schicht von glitzernden, leuchtenden Eiskristallen. Ein Stich zieht sich durch mein Herz hinauf zu meinen Schläfen und die gewohnten Kopfschmerzen nehmen wieder ihren gewohnten Platz in meinem Leben ein. Warum können meine alten Gefühle und Zeitspannen, die mich in der Vergangenheit festhalten, nicht auch einfach vom Schnee begraben werden und, wenigstens für eine kleine zeit, bis der Schnee geschmolzen ist, vergessen sein? Warum nicht...? Das Tor knarrt, und die beiden Türen rücken wieder ein Stück näher zusammen. Ich schlucke, sehe zu, wie die Welt, meine Welt, langsam immer mehr hinter dem riesigen Stahltor verschwindet und ich, festgekettet von Emotionen und Momenten meiner Vergangenheit, noch immer auf dem altbekannten Weg stehe und mir selbst alles wieder wegnehme, was ich mir kürzlich erst aufgebaut habe.

Donnerstag, 29. November 2012

Schmerzstillstand

Stell dir vor, du stehst vor einem Spiegel. Du betrachtest dich, doch die Augen, die dir entgegenblicken, sind nicht deine. Es ist ein leerer Blick, ein schwarzer Sumpf mit trüben, verseuchten Gewässern. Starre hat von diesen Augen Besitz ergriffen. Mit der Zeit, in der du da so vor dem Spiegel stehst, schlänget sich leise zischend Kälte an dich heran, kriecht dir den Rücken herunter, lässt dich zittern. Die Angst vor dir selbst.
Dein Spiegelbild beginnt langsam, sich zu verändern. Das Gesicht deiner selbst verzieht sich zu einer grauenhaften, hässlichen Grimasse. Ein Grinsen zieht sich vom einen Ohr zum Anderen, voller Boshaftigkeit und Schadenfreude. Der Zeigefinger deines Spiegelbildes findet seinen weg zu deinem Gesicht. Langsam fängst du an, dich selbst auszulachen. Lautlose Sätze schwirren durch den Raum. Sie dich doch an, wie scheiße du doch aussiehst. HAHA, und du glaubst wirklich, dass dich jemand leiden kann, ja?
Du erbleichst, blickst in den Spiegel, versuchst, herauszufinden, was in dir vorgeht, doch alles, was dir entgegensieht, sind kalte graue Augen ohne jegliche Emotionen. Ungläubig fängst du an, deinen Kopf zu schütteln, immer und immer wieder. Deine Hände wandern zu deinen Schläfen, du drückst zu, willst die Augen schließen, wegsehen von deinem Ich, dass dich noch immer auslacht. Immer mehr versuchst du, die Sätze, die, von drückender Stille umhüllt um dich herum schleichen, zu ignorieren. Keiner mag dich, kapier es endlich! FAHR ZUR HÖLLE. Du bist nur selbst daran Schuld, wenn etwas nicht so läuft, wie du es dir erhofft hättest.
Ein tonloser Schrei erstirbt in deiner Kehle.
Blitz.
Dein altes Zuhause.
Blitz.
Das wutentbrannte Gesicht eines Mannes. Überall Rot, überall pulsierende Adern.
Blitz.
Ein Teenager auf dem Bett. Ein Mädchen von vielleicht 15 Jahren.
Blitz.
Sie weint. Ihre Arme sind um ihre Knie geschlungen. Sie zittert, wippt langsam nach vorne und nach hinten. Immer und immer wieder.
Blitz
Ihre Lippen formen lautlos die Worte Ich bin nicht Schuld, ich bin nicht Schuld, ich bin nicht Schuld.. immer und immer wieder.
Blitz.
Blut tropft. Eine Narbe von vielleicht 2cm Länge. Puls.
Blitz.
Blut tropft. Immer und immer wieder.
Blitz.
Ich bin nicht Schuld. Ich bin nicht Schuld. Ich bin nicht Schuld...
Blitz.
Das Mädchen. Ihre Augen rot, dunkle Ringe.
Blitz.
Sie läuft über eine Wiese, nur Gras, unendliche Weite. Ihre langen, braunen Haare schweben durch die düstere, nebelige Landschaft. Ihr Blickt schwirrt hektisch umher. Sie friert, doch es ist ihr egal.
Blitz.
Dein Spiegelbild lacht nicht mehr. Dein Blick hat seine Starre verloren. Trauer nimmt seinen Platz ein. Eine Trauer, die einem alles raubt, worüber man bis eben noch lachen konnte. Tränen kullern über die Wangen deines Spiegelbildes.
Blitz.
Langsame Schritte über einen Feldweg. Sie.
Blitz.
Schwarze Hose, Schwarzer Pulli, Schwarze Schuhe. Schwarz umrandete Augen.
Blitz.
Haare wehen ihr ins Gesicht. Still sieht sie sich um. Bleibt stehen. Ihre Augen schließen sich. Minutenlang steht sie so, den Kopf zum Boden gerichtet. Ihre Hände verkrampfen sich immer wieder zu einer Faust. Einatmen, Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Blitz.
Ihre Atmung zittert.
Blitz.
Überall Nebel. Nichts zu erkennen.
Blitz.
Kälte zerrt an ihrer Kraft.
Blitz.
Einatmen, Ausatmen. Einatmen, Ausatmen.
Blitz
Sie hält die Luft an.
Blitz.
Sekunden vergehen.
Blitz.
Ein Schrei.
Blitz.
Er erstickt. Kreischen hallt durch die Landschaft wieder.
Blitz.
Weiter Schreien, nicht möglich.
Blitz.
Übergang in Schluchzen.
Blitz.
Knie knicken weg. Sie fällt. Aufprall auf gefrorenem Gras.
Blitz.
Du siehst dich weiter an. Wieder verändert sich der Blick deiner selbst. Ein Blick voller Selbsthass, Abscheu und Angst.
Blitz.
Eine Rasierklinge. Fest umschlungen von der Hand des Mädchens.
Blitz.
Tausende Gedanken.
Blitz.
Klinge senkt sich zum Unterarm herab.
Blitz.
Selbsthass. Hand zittert. Senkt sich weiter, verharrt wenige Millimeter vor deiner Haut.
Blitz.
Gedanken, tausende Gedanken.
Blitz.
Stechen. Ziehen, immer wieder. Schmerz. Keine Sinn fürs Fühlen. Schmerzen, immer mehr, doch kein Spüren. Immer mehr Schnitte, immer wieder und wieder.
Blitz.
Blut, so viel Blut.
Blitz.
Klinge fällt.
Blitz.
Sie lehnt sich zurück, langsam. Tut nichts mehr. Augen starren ins Nichts.
Blitz.
Sinne schwinden, doch das Bewusstsein bleibt.
Blitz.
Du.
Du siehst dich an, deine Augen haben jede Art von Emotionen verloren.
Schwärze zieht sich über die Pupille hinaus.
Du fasst dir ans Gesicht und spürst Tränen.
Langsam und Kraftvoll atmest du ein... lächelst, und der Spiegel zerbrach.



Sonntag, 28. Oktober 2012

Lied des Wahnsinns

Es war ein Freitag, als er dem Wahnsinn begegnete. Es ist ein Grauenhaftes Erlebnis, ihn zu sehen, und ein noch grauenvolleres, ihm selbst zu verfallen.

Eisiger Regen fegte durch die Straßen und nahm einige der morschen Holzbretter mit, die den Garten ihrer Großeltern umzäunten. Weiß – Grauer Nebel senkte sich auf das kleine Dorf wie ein Schleier und machte es einem fast unmöglich, etwas bis auf die drei Meter vor sich zu erkennen. Alles verschwamm hinter einer kalten, undurchdringlichen Wand aus herabsenkender Wolken. Hin und wieder zuckte ein Blitz aus der beinahe schwarzen Wolkenschicht heraus und tauchte die Landschaft in ein geisterhaft wirkendes Licht. Donner grollte.
Alina saß an ihrem Fenster und starrte mit leeren Augen hinaus in das Unwirkliche. Ihr Fenster war gekippt. Jedes mal, wenn es donnerte, erwachte sie kurz aus ihrer Trance, in die sie seit Anbeginn des Unwetters versunken war. Aus der gegenüberliegenden Ecke ihres Zimmer ertönte leise Musik. Das Dröhnen, dass von draußen in ihr Zimmer drang, übertönte sie fast vollständig. Es war eine einfache, sich immer wieder wiederholende Melodie. Alina wippte langsam mit der Melodie mit. Ihre Lippen bewegten sich, doch sie sprach nicht. Wieder zuckte ein grell leuchtender Blitz über die Dächer des Dorfes. Ihre dunklen, fast schwarzen Augen spiegelten das Licht. Ihre Haut leuchtete gespenstisch weiß und ihr Körper, der nur noch aus Haut und Knochen bestand, hob und senkte sich langsam zum Rhythmus der Melodie. Alles an ihr wirkte unecht. Langes, schwarz glänzendes Haar fiel über ihre schmalen Schultern bis hinunter zu ihrer Hüfte. Sie hatte nichts an bis auf ein langes, weißes Nachthemd. Die Melodie endete. Ein paar kurze Sekunden war es ganz still, selbst der Sturm draußen schien für einen winzigen Moment zur Ruhe gekommen zu sein, als die Melodie langsam wieder anspielte und gleichzeitig ein lauter Donnerschlag ertönte. In Alinas Augen blitzte kurz etwas auf, ihr Kopf hob sich und sie blickte langsam in deine Richtung. Sie hatte gewusst, dass du da warst. Du standest ganz ruhig auf der anderen Seite ihres Zimmers, direkt neben der Anlage, aus der die Musik drang. Alina musterte dich. Ihre Augen fassten alles langsam auf, und ihr Kopf bewegte sich immer weiter nach unten. Ihr Blick endete bei deinen Füßen. Dort verharrte sie für eine für dich ewig erscheinende Zeit. Du wolltest grade Luft holen, als ein plötzlich erscheinender Blitz dich zusammenzucken lässt. Als du Alina wieder ansiehst, schaut sie direkt in deine Augen. Ihr Blick ist so tief und dunkel, dass du nichts außer Schwärze darin erkennen kannst. Die Starre in ihrem Gesicht verunsichert dich. Du versuchst, ihrem Blick zu entweichen, packst es aber nicht. Deine Ohren beginnen, die Melodie, die seit Ewigkeiten durch dieses Zimmer schleicht, mehr wahrzunehmen. Alinas Lippen beginnen wiederholt, sich langsam zu bewegen. Du weißt, was sie dort tonlos vor sich hin singt. Es ist diese eine grauenhafte Melodie eines einzigen Wortes in der gleichen Tonlage, ein sich immer wiederholendes Wort. La... La... La... La... La...
Der Wahnsinn. Der Gedanke schießt dir durch den Kopf ehe du ihn zurückhalten kannst. Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich noch mehr. Dir war klar, dass sie es wusste. Das sie deine Gedanken genau kontrollieren konnte. Wahnsinnige können alles. Panisch schlägst du dir vor den Mund, bis dir einfällt, dass es nur deine Gedanken sind, die durch deinen Kopf hallen. La... La la... La... La...
Du beginnst, ihren Herzschlag wahrzunehmen. Er geht ganz langsam, so langsam, dass du befürchtest, dass er jeden Moment erlöscht. Doch mit der Zeit begann er sich zu verschnellern. Immer lauter und drückender traf dich jeder einzelner Herzschlag wie eine Schallwelle und drückte dich an die Wand hinter dir. Panik erfasst dich. Die Schläge wurden immer drängender, du konntest kaum mehr erfassen wann einer beginnt und aufhört. Du schlugst die Hände vor deine Ohren und begannst zu schreien, laut und schrill. Alina stand auf. Ihre dürren Beine trugen sie nur unsicher. Mechanisch kam sie auf dich zu. Du rutschtest an der Wand hinunter, krabbeltest langsam rückwärts in die Ecke, aus der die Musik ertönte. La... La... La... La... Ihre Lippen formten immer wieder dieses Wort. Alles schien dich zu erschlagen. Die Musik. Ihr Puls. Dieses Wort. Der Donner und der pfeifende Wind draußen. Das Lied des Wahnsinns.
Sie kam immer näher. Dann, ganz plötzlich, blieb sie stehen, nur wenige Zentimeter vor dir. Ewig erscheinende Sekunden verharrte sie so, bis sie, ganz langsam, ihren Kopf zur Seite neigte und dich aus ihren schwarzen Augen heraus anstarrte. Es quälte dich, mehr als alles, was du bisher hattest durchstehen müssen. Vor dir verschwamm die Umgebung, die Zeit schwand. Der Raum begann sich zu bewegen, vorwärts, direkt hinein in ihre Augen. Schwärze umgab dich. Du hörtest nur noch ihren Puls, die leise ertönende Melodie und ihr sich immer wiederholendes La... La... La la...
Dann, ganz plötzlich, war es vorbei. Du fandest dich in ihrem Zimmer wieder. Doch etwas war anders. Du konntest nicht weiter darüber nachdenken, denn dich überkam der drängende Wunsch, dich ans Fenster zu setzten, im Sturm zu versinken und zu singen. Dein Körper bewegte sich auf das Fenster zu, stieg über Alinas leblosen Körper, ihre weit aufgerissenen, strahlend blauen Augen. Du liest dich auf der Fensterbank nieder und begannst, zu singen, während der Wahnsinn in Form von eisiger Dunkelheit durch deine Augen in dich drang und dabei zusah, wie draußen die Welt im eisigen Sturm langsam versank.