Samstag, 30. April 2016

Flucht

Du bist ein Feigling. Denn du rennst. Du rennst um dein Leben, ständig auf der Flucht. Du flüchtest vor allem. Aber weißt du was? Diese Flucht wird dir nicht helfen. Vielleicht kannst du rennen, und du kannst dich verschließen vor allem, was dir Angst macht und dich nervt und du nicht sehen willst, aber vor der Zeit kannst du nicht flüchten. Denn die Zeit, sie ist da, und sie ist immer da, wo du bist und da kannst du noch so viel jammern und treten und laufen und dich darüber beklagen, dass du keine Zeit hast - die Zeit, sie interessiert deine Probleme nicht.
Du bist ein Feigling. Denn du stehst. Du stehst und weigerst dich, weiterzugehen. Und wenn du da so stehst und beobachtest, dann sieht man die Feigheit in deinen Augen. Sie sieht sich um, immerzu, hektisch fliegen deine Pupillen hin und her und dann öffnet sie ihre Türen für die Angst. Angst vor was? Wovor hast du Angst? Vor Konflikten, Stress, riesigen Spinnen, die dich weit in die Nacht verfolgen, dem Moment, wenn dein Feund im Flur auf dich wartet und tonlos ein "Wir müssen reden" folgt, mit leerem Blick und ohne einen Kuss auf die Stirn, wie es sonst doch immer gewesen ist. Ist es diese Angst? Oder doch die Angst vor deinem Kopf, vor den Gedanken, die dich manchmal hinausjagen wollen in die Kälte, hinaus in die graue Welt, die so unerträglich für dich ist, vor den inneren Konflikten, denen du am liebsten zubrüllen würdest, sie sollen doch endlich mal ihre scheiß Klappe halten oder doch dem Moment, in dem deine Gedanken für immer erlöschen werden? Die Angst ist in Bewegung, doch du bist ein Feigling, denn du stehst.
Du bist ein Feigling. Denn du schweigst. Du schweigst, wenn die Eltern sich wieder anschreien, schweigst, wenn du in der U-Bahn sitzt und drei Plätze weiter der Mann mit der Lederjacke und den toten Augen wieder beginnt, sich schamlos an undschuldige Studentinnen ranzumachen und du schweigst, wenn du an der Grundschule vorbeiläufst und die drei Jungen dem Mädchen mit der Zahnspange Kaugummis in ihre langen, blonden Haare schmieren. Und wenn alles still ist, und du alleine auf dem Dach deiner Garage sitzt mit einem Bier und in der klaren Nacht den Sternenhimmel beobachtest, schweigst du auch.
Du bist ein Feigling, weil du jetzt lächelst. Du lächelst, weil du all das, was ich gerade gesagt habe, nicht wahrhaben willst. Du lächelst, weil du dir denkst "Wenn ich nicht renne, dann gehe ich, denn dann habe ich Zeit, und wenn ich stehe, genieße ich den Augenblick und wenn ich schweige, dann möchte ich nicht reden, weil die Stille angenehm ist." Und dann muss ich lachen. Laut und haltlos, weil es mir unerklärlich ist, was für ein Feigling du bist.
Du rennst und stehst und schweigst. Du rennst weg vor der Zeit, die sich an deine krafttlosen Beine klammert, du stehst, weil deine Kraft sich dem Ende neigt und du schweigst, weil du zu atemlos bist, um etwas zu sagen. Du rennst, wenn du glaubst, dass dir die Zeit voraus ist, du stehst, wenn du glaubst, dass du zu schnell bist und du schweigst, weil du nicht weißt, wie du anders mit dem Warten umgehen sollst. Doch die Zeit ist dir nie voraus oder spät dran, sie ist immer da, wo du bist, sie ist da, wenn du in der Mathestunde sitzt und verzweifelt auf das Klingeln der Pausenglocke wartest, sie ist da, wenn du mit deinem Freund Zuhause im Bett liegst und ihr euch anseht und küsst und euch wünscht, dieser Moment hielte für immer, und sie ist da, wenn du Nachts mit tränenverschmierten Wangen in deinem Bett sitzt und in die Schwärze starrst und dich fragst, wo zur Hölle die Zeit hin ist.
Du bist so feige. Ich sehe dich an und du stehst da, schweigend und in einer Haltung, die zeigt, wie gerne du jetzt nur rennen würdest. Du siehst mich an und sofort wieder weg, weil ich nicht mehr lächel. Ich betrachte dich und merke, wie die Zeit und die Angst und die Schuld an allem geradezu an dir kleben und irgendwie tust du mir leid. Du tust mir leid, weil du verlernt hast, wie man geht, weil du verlernt hast, nicht stehen zu bleiben und weil du vergessen hast, wie Sprechen funktioniert.
Und dein Freund dreht sich um und verlässt dich, weil er nicht verlernt hat, weiterzugehen, und die Frau neben dir in der U-Bahn zerrt den Mann in der Lederjacke mit den toten Augen zurück, verpasst ihm eine Backpfeife und schreit ihn an, er solle endlich verschwinden, weil sie nicht vergessen hat, wie Sprechen funktioniert. Und plötzlich bist du weg. Ich stehe alleine auf der Straße und drehe mich um. Unscharf erkenne ich deine Umrisse in einiger Entfernung. Der Wind pfeift und leise höre ich, wie dein Leben flüstert "lauf."

Mittwoch, 20. April 2016

Traumleben


Träumen wir oder leben wir?

Vielleicht leben wir in einem Traum -

Oder träumen wir das Leben?

Oder leben wir unseren Traum?

Vielleicht träumen wir auch für unser Leben -

Während wir im Leben für unseren Traum träumen -

und zugleich im Traum für unser Leben leben -

Leben

Träumen

Vielleicht träumen nicht mal wir -

Vielleicht träumt jemand für uns während wir leben -

Vielleicht lebt jemand für uns während wir träumen -

Wer sagt denn, was Traum und was Leben ist?

Vielleicht ist in Wirklichkeit Leben Traum und Traum Leben -

Was, wenn wir erst dann wirklich erwachen, wenn wir uns schlafen legen?

Wer hat denn festgelegt, was was ist?

Und wer hat festgelegt, dass es nur Traum und Leben gibt?

Kann es nicht auch Träume geben, die lebende träumen während sie ihren Traum im traumhaften Leben leben?

Traumhaftes Leben

Wer sagt, dass es nicht einfach dasselbe ist?

Traumleben - Lebenstraum - Lebenstraum im Traumleben

Vielleicht wacht man ja auf, wenn man zu Bett geht -

Und vielleicht schläft man ein, wenn man aufwacht -

Legt man beide Fakten aufeinander, lebt man weder, noch träumt man

Also frage ich euch -

Was ist schon Traum und Leben?

Ein verzwicktes Labyrinth des lebenden Traums, der im Leben lebende von Träumen träumen lässt, Träume zum Leben erweckt und Leben zum Traum macht?

Im Endeffekt lässt sich nur sagen, dass ich keine Ahnung habe.

Freitag, 8. Januar 2016

Chaosgefühle

Wo ist eigentlich Glücklich? fragt Fürsorge. Ich habe sie ewig nicht mehr gesehen.
Ich weiß es nicht, Fürsorge, sie hat sich länger nicht mehr blicken lassen. Aber das kann ich verstehen. Hier ist im Moment alles so trostlos und grau, ich würde mich auch gerne in Luft auflösen, flüstert Trauer. Ist ja auch kein Wunder, wenn du alle hier mit deiner Laune ansteckst! mischt sich Schuld ein. Mir ist mittlerweile eh alles egal, weil sich doch nie etwas ändert. Es ist doch jedes mal so! wirft Enttäuschung ein. Ihr macht es alle nicht besser! ruft Verzweiflung dazwischen. Da muss ich zustimmen! Eure endlosen Diskussionen bringen hier niemanden weiter, und Glücklich taucht dadurch auch nicht wieder auf! Packt euch erstmal selbst an die Nase, bevor ihr euch gegenseitig die Schuld zuschiebt! Vorwurf starrte in die Runde. Alles war still, als urplötzlich ein lauter Knall ertönte und Ärger angestampft kam. Ärger war ganz rot und sah aus, als wollte es alles auseinandernehmen. Angst, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, wich noch ein Stück zurück und begann, leise zu wimmern. Was ist hier schon wieder los?! schrie Ärger in die Gefühlsmasse hinein und Angst's wimmern wandelte sich zu einem schluchzen. Vorwurf starrte Ärger an und nickte in Angst's Richtung. War das jetzt wirklich notwendig? Als wenn hier nicht schon genug Chaos herrschen würde! In diesem Augenblick kam Entsetzen herangeeilt, direkt neben ihm Neugierde, die beide mit großen Augen auf das Getummel vor ihnen starrten. Was zum?! stotterte Entsetzten immer wieder vor sich hin, bis Neugierde ihn mit einem Ey, sei mal still, ich will wissen wie's weitergeht! ins Wort fiel. Entsetzen drehte sich zu Neugierde um und war noch entsetzter als zuvor. Fürsorge kniete währendessen neben Angst und versuchte, sie irgendwie zu beruhigen, doch das war nicht so einfach. Angst weinte und weinte und wollte sich gar nicht helfen lassen, was Verzweiflung bemerke und es im Endeffekt nur noch schlimmer machte. Neugierde hatte sich mittlerweile einen Stuhl geschnappt und schaufelte Popcorn in sich hinein, als sich Vorsicht, die sich zuvor im Schatten von Einsamkeit versteckt hatte, geduckt einen Weg durch das Getümmel bahnte, um nach Hoffnung zu suchen. Es wurde immer lauter. Gegenstände flogen durch die Luft, zwischendrin waren immer wieder Schreie der Verzweiflung zu hören. Trotz, der sich nach einiger Zeit ebenfalls eingemischt hatte, gab die Diskussion auf und verschwand schmollend. Sehnsucht beschloss, sich Vorsicht anzuschließen und begab sich ebensfalls auf die Suche nach Hoffnung. Sie ließen das riesige Gefühlschlamassel hinter sich, entfernten sich immer mehr davon, bis es schließlich ganz leise wurde. Nach einigen 100 Metern trafen sie auf Ruhe. Ihr seht so müde aus, sprach Ruhe die beiden Gefühle an. Wollt ihr euch ein wenig ausruhen? Bei mir herrscht Stille, bei mir könnt ihr ein wenig ausspannen. Vorsicht und Sehnsucht dankten, lehnten jedoch ab. Das ist lieb von dir, Ruhe, aber wir haben keine Zeit. Eile scheucht uns seit Stunden durch die Gegend und lässt uns Hoffnung suchen, doch wir finden sie nicht. Hast du sie gesehen?
Ruhe überlegte einige Minuten, um schließlich zu nicken. Hinter Vorsicht und Sehnsucht sprang Eile mit fuchtelnden Armen hervor. Ging das nicht ein wenig schneller? Wir haben nicht viel Zeit! Ruhe wies den drei Gefühlen die Richtung, worauf Eile die anderen zwei hinfort scheuchte und Ruhe erneut alleine zurückblieb. Und tatsächlich – nach einiger Zeit trafen Sehnsucht und Vorsicht auf Hoffnung, die ein weiteres Gefühl zusammengesunken in ihrem Schoß hielt. Fürsorge war auch dort und streichelte dem gekrümmten Etwas sanft über's Haar. Es war Liebe. Du musst sofort mit uns kommen, Hoffnung! ratterte Eile herunter und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Die anderen Gefühle, alle, sie alle, totales Chaos, so ein Schlamassel, alle, alle.. Ruhe war ihnen gefolgt und nahm nun Eile in den Arm, die sich langsam, aber zitternd etwas beruhigte. Hoffnung sah auf und lächelte stumm. Ich weiß, ich weiß, sprach sie, während sie Liebe weiterhin sanft in ihren Armen hielt. Liebe hat mir davon erzählt. Auch, wie lange sie schon streiten. Sie weiß gar nicht damit umzugehen. Alle Gefühle haben sich in letzter Zeit so sehr an sie geklammert, dass sie nicht mal mehr wusste, welches Gefühl sie selbst eigentlich ist. Sehnsucht und Vorsicht sahen sich an, dann Liebe, dann Hoffnung. Eile und Ruhe standen immer noch da, Arm im Arm. Weißt du vielleicht auch, wo Glücklich ist? Wir suchen sie schon seit einigen Tagen, aber sie ist wie vom Erdbeben verschluckt. Genau dann - urplötzlich - stand Glücklich vor ihnen. Lächelnd, wenn auch ein wenig gezwungen. Macht euch keine Sorgen, ich bin ok. Ich brauche nur ein wenig Zeit für mich, ich kann nicht immer jeden glücklich machen. Für den Augenblick zumindest nicht. Hoffnung blickte auf und atmete einmal laut ein und wieder aus. Ich werde Verstand beten, diesen Schlamassel für euch zu klären. Es scheint im Moment wohl für euch alle einfach zu viel zu sein. Aber – und das kann ich euch versprechen – Hoffnung lächelte und nahm alle in den Arm – es wird alles wieder besser. Ihr müsst nur versuchen, daran zu glauben.

Montag, 21. Dezember 2015

Wer bin ich?

Wer bin ich?
Ohne mich gäbe es nichts.
Ohne mich schwindet die Existenz.
Ihr könnt mich nicht sehen - trotzdem begleite ich euch Tag für Tag.
Manchmal erscheine ich euch als nervig und dann wünscht ihr euch, ich würde verschwinden. Das macht mich traurig. Ich will euch nichts böses. Meine Aufgabe ist es, durch meine Anwesenheit eure Wunden zu heilen und eure Schmerzen zu lindern. Ich schenke euch Leben, ich gebe euch neuen Mut, weiterzukämpfen.
Manchmal seid ihr aber auch glücklich darüber, dass ich für euch da bin. Manchmal wollt ihr mich sogar nicht mal mehr gehen lassen. Und manchmal braucht ihr mich und seid dann ganz einsam und verzweifelt, wenn ich euch verlassen und weiterziehen muss.
Wer bin ich?
Ich bin nicht sonderlich gesprächig. Man kann auch nicht mit mir diskutieren.
Aber ich kann gut zuhören. Wenn es sein muss, ewig. Ich habe immer ein offenes Ohr für euch und ihr könnt euch sicher sein, dass ich immer für euch da bin. Auch, wenn ich es manchmal eilig habe.
Wenn ihr versucht, mich zu manipulieren, werdet ihr sehr schnell merken, dass ihr daran scheitern werdet. Ich bin immer in Bewegung, ganz ruhelos, und auch, wenn ich selbst mal erschöpft bin weiß ich, dass ich mich nicht ausruhen darf.
Wer bin ich?
Manchmal scheuche ich euch im Eiltempo über die kleinen und großen Hürden des Lebens und riskiere, dass ihr stolpert und euch verletzt, manchmal lasse ich euch entspannt euren Weg gehen und gebe euch die Möglichkeit, zu genießen. Auch, wenn ich euch oft den letzten Nerv raube - am Ende bin ich es, die euch wieder aufbaut und zum weitermachen animiert.
Wer bin ich?
Ich bin unsichtbar, ich bin lautlos, ich bin immer in Bewegung und doch bei allen zugleich.
Ich bin schnell und langsam, sympathisch und unsympathisch.
Ich bin die Zeit.

Sonntag, 20. September 2015

Avocado

Von Avocados wird mir übel
bringt mir einer schnell nen' Kübel?
Avocados schmecken nicht
manche schmier'n sich's ins Gesicht.
Das Gesicht damit beschichten
soll Pickel und Mitesser vernichten.
Schon der Anblick fällt mir schwer,
Avocado, ich hasse dich sehr!

Apfel. Birne, Kirsch und Pflaume,
Pfirsich, Beeren,und die Traube,
all das Obst, dass ess ich gern,
Avocado, bleib mir fern!
Die Moral von der Geschicht?
Avocados isst man nicht
und erst gehört sie nicht
als Matschepampe ins Gesicht!





- Beitrag zur Schülerzeitung zum Thema "Hass - Avocados"

Drowning

Meine Hände verkrampfen sich langsam zu einer Faust. Meine Lippen kleben zusammengepresst aufeinander. Ich versuche, die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken, doch die Macht des Augenblicks trifft mich mit solch einer Wucht, dass jede Kraft des Widerstands in mir erstirbt. Erinnerungen können so grausam sein. Wie kleine Schlangen schleichen sie sich an einen heran, dringen in den Verstand, erschaffen ein Netz aus Schmerz, ein Labyrinth voller Verlorenheit.

Zurück in die Vergangenheit geschleudert lande ich hart auf dem eisigen, dunklen Boden, huste Staub. Es ist so kalt hier. Jeder Versuch, mich aufzurichten, scheitert an der Tatsache, dass ich keine Kraft habe, aufzustehen. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Meine Arme geben unter meinem Gewicht nach, immer wieder breche ich zusammen. Schreie der Angst wollen sich aus meiner trockenen Kehle quälen, doch auch die Stimme ist mir versagt.

Ich spüre die Tränen. Spüre, wie warm sie meine Wangen hinab fließen. Höre mein Schluchzen. Ich zittere. Bitte, so lasst mich doch endlich gehen. Mein weiches Bett fühlt sich plötzlich steinhart an. Die verschwommenen Umrisse meines Zimmer überlappen sich mehrmals, bevor sie kurz zu einem Bild verschmelzen. Ich schlinge die Hände um die Knie und versuche, die kläglichen Laute, die aus meiner Kehle flüchten, zu ersticken. Hitze wallt durch meinen Körper, meine Augen brennen. Wie kleine Flammen wütet der Schmerz durch meinen Schädel, beginnt, Teile meiner Kraftreserven zu versengen. Ich will schreien, alles aus mir heraus schreien.
Als die Erinnerung in mich eindrang, konnte ich die elenden Laute der Angst und Sehnsucht nicht mehr zurückhalten. Wie ein Speer aus feuriger Kälte geschmiedet schoss sie in mich hinein und verankerte sich schmerzhaft in meinem Bewusstsein.

Du wirst immer meine beste Freundin bleiben. Ich werde dich nie gehen lassen.

Warum hast du es dann? WARUM? Warum bist du gegangen?“
Ich nehme kaum wahr, wie sich Satz für Satz meine Einsamkeit in den Vordergrund schlägt. Minute um Minute schleichen sich immer mehr Worte zwischen den Schluchzern hindurch. Ich spreche sie zittrig hinaus in den Raum, hinauf zur Decke, kaum erkennbar hinter der Wand aus Tränen, die immer während aus meinen Augenwinkeln flüchtet. Das gesamte Zimmer – ausgefüllt von Leere. Alles zieht sich zusammen und dehnt sich aus. Pulsiert wie das Blut, dass durch meine Adern fließt, glühend heiß und zugleich so kalt, dass es jeden Moment zu gefrieren scheint. Die Welt bebt.

Nur noch einmal in deinen Armen liegen, nur noch einmal das Gefühl von Geborgenheit spüren. Nur noch einmal...

Mein Körper fühlt sich an, als sei er aus Blei. So Schwer, dass ich Angst bekomme, durch's Bett hindurch in die Untiefen der Erde gezogen zu werden, um dort in der Hitze des Erdkerns zu verbrennen, bis nichts mehr übrig ist. Meine eigene Asche wird der Weg zu meinem Grab sein.
Die Atmung geht flach, alle Kraft ist verflogen. Mein zur Decke gerichteter Kopf landet unsanft auf meinem Arm. Selbst die Tränen sind verflogen. Außer der unerträglichen Wärme, die von meiner Wange ausgeht, spüre ich nichts mehr. Die Ränder meines Sichtfeldes beginnen, sich zu schwärzen, immer näher in die Mitte zu rücken, um mich ein für alle Mal in der Dunkelheit zu verschlingen.
Meine zur Faust verkrampften Hände erschlaffen und bleiben leicht gekrümmt auf der Bettkante liegen. Die Knie – angewinkelt an den Körper.

You broke me. Forever.

So bleibe ich liegen. Alles ist schwarz. In meinem Kopf herrscht Chaos. Die ausgesprochenen Worte hallen noch einige Zeit im Zimmer wider, ehe sie wimmernd verklingen und sich langsam eine Totenstille verbreitet. Das geschwächte Herz pumpt, doch ich spüre gar nichts.
Ich lasse mich gehen, leise, ziehe aus meinem Körper, weiter, direkt hinein in den ewigen Schmerz und warte sehnsüchtig darauf, endlich darin zu ertrinken.

Freitag, 18. September 2015

Realitätsfassade

Im Endeffekt leben wir doch gar nicht.
Alles ist Fassade, versteckt sich hinter unseren Gewohnheiten.
Im Endeffekt leben wir doch gar nicht.
Wir glauben an das, was wir sehen, was wir hören, was wir spüren. Alles Fassade.
Das menschliche Gehirn ist doch nur ein Computer. Ein programmiertes System. Gehändelt von dem, was wir wahrnehmen, gespeichert im Abteil des unvergesslichen.
Wir leben durch Lernen, Einprägungen von dem, was wir uns abschauen, und doch leben wir nicht.
Wir sind doch alles nur ferngesteuerte, programmierte Hüllen, ausgefüllt mit Taten und dem Wissen, welches wir von Beginn an eingebläut bekommen.
Doch wo liegt dieser Beginn? Was ist das Ende? Gibt es denn überhaupt ein Ende?
Warum sollte es ein Ende geben?
Wenn wir das Wissen in unserem Kopf austesten, geraten wir irgendwann an eine Grenze.
Wenn es doch ein Ende gibt, warum kennen wir dann nicht das Ende des Universums?
Wo ist das Ende eines Kreises?
Wenn es das Ende gibt, warum reden dann so viele von der Unendlichkeit? Von der Tatsache, dass anscheinend doch nicht alles enden kann?
Unendlichkeit liegt außerhalb unseres Denkens, außerhalb des Systems in das wir hineingeboren wurden.
Die Menschen sind von Natur aus darauf erpicht, für alles einen Sinn zu finden. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, fällt einem auf, dass die Wände, mit denen wir versuchen, alles in ein systematisches Gestell zu verpacken, durchsichtig sind. Vielleicht zeichnen wir die Grundrisse der Wirklichkeit, doch sie sind durchschaubar. So wie die Menschen selbst. So wie alles hier.
Wir glauben daran, Recht zu haben, weil wir Recht haben wollen. So steht es in unseren Köpfen geschrieben. Doch im Endeffekt ist das alles für die Katz.
Nimmt man das von uns aufgestellte System auseinander, merkt man, dass wir im Großen und Ganzen nicht mehr versuchen, als eine zu Millarden Teilen zerborstene Glasplatte irgendwie wieder auf einen Haufen zu kehren, anstatt sie in ihren winzigen Teilen zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Wir haben keine Ahnung von der Wirklichkeit. Wir sind bloß ein Haufen Idioten, die auf Scherben zum Stehen gekommen sind, welchen wir als Sinnvoll erachten. Als die Wirklichkeit. Als wahr und sinnvoll.
Warum sollte es so sein? Warum sollte das, was wir in einem von Menschenhand erschaffenenm Chaos als sinnvoll sehen, wirklich das sein, das allem einen Sinn gibt?
Betrachtet man alles genauer, ergibt nichts einen Sinn.
Wir glauben zu verstehen, doch wirklich etwas wissen tun wir nicht. Wir wissen nur das, was wir selbst als Wissen bezeichnen.
Doch woher sollen wir wissen, ob in Wirklichkeit ein Meter auch wirklich ein Meter ist? Warum sollte unser Zahlensystem stimmen? - Wir wissen es nicht. Wir wissen garnichts, weil wir glauben, alles zu wissen.
Verrückte Welt.
Wie können wir an all das glauben, wenn sich alles in allem immer wieder widerspricht?
Überall begegnet man Paradoxien, doch die Firewall, die diesen Computer in unserem Kopf umhüllt, schluckt jede beängstigende Erkenntnis, bevor sie Chaos in uns anrichten kann, in dem System, dass uns händelt, uns beherrscht. Wir haben eine Macht erschaffen, die einst unser Eigen war - doch jetzt sind wir ihr Eigen. Alles ist so verdreht. Alles ist falsch.
Egal, wo wir hinsehen, wenn man weiterdenkt, begegnet man überall im menschlichen Denken Lücken. Kleine, ungefüllte Löcher, ohne Informationen, ohne ein absehbares Ende. Wenn man diese Löcher nun ganz genau unter die Lupe nimmt, überollt einen das Bewusstsein, das nichts von all dem, was die Menschen sich aufgebaut haben, stimmen kann.
Konfrontiert sich ein Mensch mit dem Nichts, gerät er in eine Gedankenschleife, der er nicht zu entfliehen vermag. Denn was ist das Nichts? Es hat weder einen Anfang noch ein Ende. Mag wohl heißen – es ist unendlich. An genau diesem Punkt stoßen wir wieder an diese Grenze. Es ist wie ein Gefängnis. Wir können rennen so viel wir wollen, wir landen wieder genau dort, wo wir begonnen haben – wir bewegen uns im Kreis. Egal wo wir hinschauen, die Unendlichkeit ist überall. Keiner kann sie verstehen. Wir haben nie begriffen, was es bedeutet, zu wissen. Wir stehen scheinheilig grinsend auf unserem Scherbenhaufen und lassen uns in dem Unwissen, eigentlich gar keine Ahnung zu haben.
Dabei ist so vieles doch offentsichtlich. Nehmen wir das Universum. Alles, was ist, besteht aus Materie, sagt unser Kopf. Das Gegenstück dazu ist Antimaterie, so wurde es uns gelehrt. Beides soll existent sein. Beides besteht zu Massen im Universum. Wie soll das gehen? Gegenseitiges hebt Gegenseitiges auf – so wurde es uns doch beigebracht, das sagt der gegebene Sinn des Menschen! Sieht denn keiner, wie paradox das alles ist? Existiert beides im Universum, kann nichts existieren. Es hebt sich alles auf, das sagt doch der Mensch! Was entsteht, ist das Nichts. Und das Nichts kann nicht existieren, da es weder beginnt noch endet. Wo ist da der Sinn? Wo ist das alles hin? Alles, was sich der Mensch aufgebaut hat? Sieht denn keiner diese Lücken in unserem Denken?
Nichts von all dem, was wir zu wissen glauben, stimmt.
Wir haben uns selbst in die Laufbahn einer Schleife gesetzt, und jetzt stolpern wir erschrocken immer wieder über Tatsachen, die wir uns einfach nicht erklären können. Wir sind schuld. Ganz allein wir. Wir haben uns selbst diese Grenzen gestellt, die zu unserem Gefängnis geworden sind.
Hat sich denn noch niemand Gedanken darum gemacht, warum wir alle dieses unfassbare Bestreben nach Freiheit haben? Nach endlosem Wissen? Nach dem Sinn?
Es ist einfach nur ein Wunsch. Oh nein.
Es ist schlichtweg der kleine, wunde Punkt in uns, der die Wahrheit kennt. Trotz dass fast jeder frei sein möchte, bleiben die meisten vor dieser riesigen Realitätsfassade stehen und kommen nicht weiter voran. Das angelernte Wissen, dass sich von vornherein in unseren Köpfen verankert hat, macht so viele blind ; und genau aus diesem einen Grund werden wir nie dieser riesigen Wand voller Paradoxien, Unendlichkeit und Unwissen trotzen können.
Und das alles nur, weil keiner wusste, was für Auswirkungen unser geheucheltes Wissen anrichten konnte.